
Youcef Nadarkhani
Im September vergangenen Jahres endete im Iran endgültig eine juristische Farce. Ein höchstrichterlicher Urteilsspruch markierte den makabren Schlusspunkt in einem Prozess, dessen Ausgang von Anfang an festzustehen schien: Tod für Youcef Nadarkhani durch den Strang . Das hatte schon ein untergeordnetes Revolutionsgericht ein Jahr zuvor befunden. Die Berufung half nichts. Bisher.
Der mittlerweile 35-Jährige Iraner (hatte am 12.04.2012 Geburtstag) sitzt seit nun mehr als 2 Jahre und 6 Monate in der Todeszelle im Zentralgefängnis von Rasht im Nordiran und wartet auf seine Hinrichtung. Sein Vergehen: Konversion. Als geborener schiitisch-muslimischer Iraner wagte er es, zum Christentum überzutreten und als Pastor eine Pfingstgemeinde im Untergrund zu leiten.
Apostasie, Glaubensabfall also, wird in den meisten islamischen Ländern nicht als private Entscheidung, sondern als Verbrechen gegen die Gemeinschaft interpretiert, als religiöse Fahnenflucht gewissermaßen.
Im Iran, in Saudi-Arabien, im Sudan und im Jemen steht die Abwendung von der Staatsreligion unter Todesstrafe. Hinrichtungen sind jedoch selten, weil die Fälle von Apostasie selten sind. In Ägypten (das eine christliche Minderheit hat, die Kopten) hat es unter dem gestürzten Mubarak-Regime hohe Haftstrafen für “Abgefallene” gegeben, es kam auch zu Zwangsscheidungen und Zwangseinweisungen in die Psychiatrie.
Im Iran steht die Todesstrafe für Konversion nicht im Gesetzestext. Auch im Koran findet sich keine Textstelle, die eine solch drastische Strafe für die Annahme einer anderen, in diesem Falle sogar einer auch im Islam respektierten Buchreligion, vorsähe. Dort heißt es lediglich, Gottes Zorn werde den Konvertiten im Jenseits treffen.
In Ermangelung eindeutiger juristischer oder religiöser Quellen berufen sich die Richter im Iran – aber auch im Jemen oder in Saudi-Arabien – gern auf einschlägige religiöse Rechtsgutachten (Fatwas) von Rechtsgelehrten, die wiederum auf den überlieferten Ausspruch (Hadith) des Propheten Mohammed rekurrieren: “Wer den Glauben aufgibt, den tötet!”
Im Urteilsspruch gegen Nadarkhani heißt es, er werde wegen “Verbreitung nichtislamischer Lehre” und des “Abfalls vom islamischen Glauben” zum Tode durch den Strang verurteilt. Behörden und Justiz waren angewiesen worden, ausschließlich daran zu arbeiten, Nadarkhani zum Islam zurückzubringen. Doch bis auf den heutigen Tag hat der vermutlich auch mit Folter einhergehende “Überzeugungsversuch” nicht gefruchtet.
Nun droht ein mehr als fünf Jahre dauerndes Martyrium für den Pfingstler mit seinem Tod zu enden, weil er den einzigen Ausweg aus seiner Misere, der ihm von der iranischen Regierung angeboten wurde, nicht gehen will: Seinen christlichen Glauben zu widerrufen.
Pastor Nadarkhani wird im Dezember 2006 zum ersten Mal verhaftet und zwei Wochen später ohne Anklage wieder freigelassen. Mit seinem Übertritt zum Christentum und seiner Pastorentätigkeit hat er sein international verbürgtes Universalrecht auf Religionsfreiheit wahrgenommen, das auch der Iran völkervertragsrechtlich bindend anerkannt hat und das sogar in der iranischen Verfassung verankert ist.
Doch im Reich der Mullahs erinnert man sich nicht gern an einmal geschlossene Verträge und Unterschriften: Als Nadarkhani im Oktober 2009 in einer Schule gegen ein neues Gesetz protestiert, das alle Schüler – auch seine beiden Söhne – dazu zwingt, aus dem Koran zu lesen, wird er erneut verhaftet und in die Haftanstalt des Geheimdienstes in der Stadt Lakan überführt. Schließlich verurteilt ihn die Erste Kammer des zuständigen Revolutionsgerichts zum Tode.
Darum schließt Youcef Nadarkhani in eure Gebete mit ein!
Quelle: www.welt.de vom 24.02.2012